Allergie auf Kompressionsstrümpfe: Ein Mythos?

Von | 13. Juli 2014

Aktualisiert 19. Mai 2026

Allergie oder Reizung am Abschluss des Kompressionsstrumpfs

Kompressionsstrümpfe gehören zur Standard-Therapie bei Venenleiden und Lymphödemen. Obwohl ihre Wirksamkeit unbestritten ist, kämpfen viele Betroffene mit der täglichen Umsetzung. Eine Untersuchung von E.M. Valesky et al. (1) zeigt einen Hauptgrund für die mangelnde Akzeptanz: Unangenehmer Juckreiz, Hautrötungen und Hautreizungen durch Kompressionsstrümpfe führen häufig dazu, dass die Strümpfe im Schrank liegen bleiben.

Sowohl von Patienten als auch von behandelnden Ärzten werden diese Hautveränderungen oft vorschnell als allergische Reaktion eingestuft. Doch ist das Gestrick wirklich die Ursache?

Echte Kontaktallergie: Wie sie entsteht und sich äussert

Allergie
Allergische Reaktion

Eine echte Kontaktallergie verläuft immer in mehreren Stadien. In der ersten Phase findet die Sensibilisierung statt. Durch die Verbindung von körpereigenen Stoffen (Peptiden) mit körperfremden Verbindungen dringt das Allergen in den Körper ein und wird vom Immunsystem registriert. Diese Phase kann bis zu 15 Tage dauern, verläuft jedoch völlig symptomlos und bleibt vom Patienten unbemerkt.

Erst bei erneutem Kontakt kommt es zur Effektorphase: Die gebildeten Antikörper wandern in die Haut und lösen eine sichtbare Entzündungsreaktion aus.

Der Epikutantest bringt Klarheit

Epikutantest
Epikutantest

Ob eine Sensibilisierung auf einen bestimmten Stoff vorliegt, lässt sich mittels Epikutantest beim Dermatologen nachweisen. Wichtig zu wissen: Trotz einer nachgewiesenen Sensibilisierung müssen bei Kontakt nicht zwingend Symptome auftreten.

  • Akutes Stadium: Rötung, Nässen, Bläschen- und Krustenbildung.
  • Chronisches Stadium: Papeln, Schuppung und eine spürbare Vergröberung der Hautfalten.

Was bedeutet das für Venenpatienten?

Personen mit einer chronisch venösen Insuffizienz (CVI) oder einem Ulcus cruris venosum (offenes Bein) weisen eine deutlich höhere Sensibilisierungsrate auf als hautgesunde Menschen. Das hat zwei wesentliche Gründe:

  1. Gestörte Hautbarriere: Die Haut ist durch die Stauung schlechter versorgt. Das Eindringen von Allergenen wird nicht mehr zuverlässig verhindert.
  2. Vorausgegangene Behandlungen: Die intensive Anwendung von verschiedenen Cremes und Salben zur Behandlung von Ekzemen erhöht das Risiko einer Sensibilisierung gegen Inhaltsstoffe.

Zudem besteht die Vermutung, dass ein veränderter Lymphabfluss den Kontakt mit Allergenen im Gewebe verlängert. Generell gilt: Häufiger und langer Kontakt, eine hohe Konzentration des Stoffs sowie eine vorgeschädigte Hautbarriere begünstigen die Entstehung einer Allergie massiv.

Löst das Material von Kompressionsstrümpfen Allergien aus?

Garnherstellung für medizinische Kompressionsstrümpfe
Die Garne für Kompressionsstrümpfe werden in der Schweiz oder EU hergestellt, so wird höchste Qualität sichergestellt. Bild: Garnproduktion Swisslastic in Wald (ZH).

Ob Kompressionsstrümpfe Allergien verursachen wurde bis jetzt nicht untersucht. Das allergiepotential der in Kompressionsstrümpfen verwendeten Materialien ist aber ausreichend untersucht. Ein moderner Kompressionsstrumpf besteht aus Elasthan, das mit einem Faden aus Polyamid, Nylon oder Baumwolle umwunden wird. Die Haut kommt nur mit dem Umwindfaden in Kontakt.

  1. Allergien auf Elasthan und Polyamid sind extrem selten.
  2. Allergische Reaktionen auf Nylon wurden nur in wenigen Einzelfallberichten dokumentiert.
  3. Unbehandelte Baumwolle ist nicht bekannt Allergien auszulösen.
  4. Einzig Naturgummilatex, welches nur noch selten in Kompressionsstrümpfen verwendet wird, hat ein hohes Allergiepotential.

Der wahre Übeltäter: Farbstoffe und Haftbänder

Synthetische Fasern sind also relativ selten Auslöser von Allergien. Viel häufiger sind es die verwendeten Dispersionsfarbmittel die allergische Reaktionen auf Textilien auslösen. Besonders Farben der Azo- und Antrachinin-Typen sind häufig Auslöser für allergische Textilekzeme. Die Azofarbmittel DP blau 124 und DP blau 106, welche für das Färben von dunklen Farbtönen wie Blau und Schwarz in grossen Mengen verwendet werden, sind besonders häufig Allergieauslöser. Da diese Farbstoffe in der EU verboten sind, gelangen sie kaum noch zu Verbrauchern hierzulande.

Bei Schenkelstrümpfen stellt das Haftband ein weiteres Problem dar. Die verwendeten Materialien Polyamid, Elasthan, Silikon und Polyester lösen selten Kontaktallergien aus.

Häufiger sind Hautreizungen die mit Allergien verwechselt werden.

Das Ergebnis: Hautreizung statt Allergie

Die Erfahrung zeigt: Eine echte Allergie auf Kompressionsstrümpfe ist extrem selten. In den allermeisten Fällen handelt es sich um rein mechanische oder thermische Hautreizungen, die fälschlicherweise für eine Allergie gehalten werden. Ein Epikutantest kann im Zweifel Klarheit schaffen.

Die Hauptursachen für Hautreizung und Juckreiz:

  • Trockene Haut & Reibung: Das raue Gewebe scheuert auf der ohnehin trockenen Haut des Venenpatienten. Zudem entzieht der Strumpf der Haut zusätzlich Fett und Feuchtigkeit.
  • Wärme- und Feuchtigkeitsstau: Kann das Material die Feuchtigkeit nicht schnell genug abtransportieren, weicht die Haut auf (Mazeration) und reagiert mit Rötungen.
  • Druck durch das Silikonband: Unter dem Haftband kommt es durch den mechanischen Druck und gestauten Schweiss schnell zu Reizungen und kleinen Bläschen.

Unser Experten-Fazit: Die besten Tipps gegen Hautrötung und Juckreiz

Das im modernen medizinischen Kompressionsstrumpf verwendete Material verursacht fast nie Allergien – dies deckt sich mit unserer 20-jährigen Geschäftstätigkeit. Da unsere Strümpfe hauptsächlich in der Schweiz (Sigvaris, Venosan) oder der EU (Bauerfeind, Cizeta, Medi, Juzo, Bort, Compressana) produziert werden, sind allergene Azofarbstoffe ausgeschlossen.

Hautreizungen sind dennoch ein reales Problem. Mit folgenden gezielten Massnahmen und Produkt-Alternativen schaffen Sie effektiv Abhilfe:

Haftband mit Mikronoppen von Juzo
Mikronoppen von Juzo
Topband Platinum von medi
Topband Platinum von medi
SensiNova Haftrand von Sigvaris
SensiNova von Sigvaris

1. Die richtige Hautpflege bei Kompression

Vermeiden Sie übermässige Selbstmedikation. Viele Standard-Salben (insbesondere mit pflanzlichen Zusätzen) können toxisch-irritative Reaktionen auslösen.

  • Besser: Nutzen Sie eine parfumfreie Basiscreme mit 2–5% Harnstoff (Urea) oder Dexpanthenol ohne Konservierungsstoffe.
  • Wichtig: Cremen Sie die Beine idealerweise am Abend nach dem Ausziehen ein. Wenn Sie morgens cremen, muss die Pflege vollständig eingezogen sein (oder nutzen Sie spezielle, extrem schnell einziehende Schäume), um das Strumpfmaterial nicht anzugreifen.

2. Strümpfe mit feinmaschigem Gestrick wählen

Ein feines, weiches Gestrick belastet gefährdete Haut deutlich weniger und minimiert die Reibung.

  • Unsere Empfehlung: Der VenoTrain Soft ist hier eine hervorragende Wahl (feines Mikrofasergestrick). Auch der Venosan 4002 oder der Sigvaris Comfort bieten hier einen extrem hohen Wohlfühlfaktor für sensible Haut.

3. Auf optimale Feuchtigkeitsregulation achten

Bleibt die Haut unter dem Strumpf feucht, wird sie anfällig für Irritationen.

  • Unsere Empfehlung: Der Venosan 4002 leitet dank der Tactel-Climate-Effect-Faser Feuchtigkeit in Sekundenschnelle von der Haut weg. Ebenfalls exzellent regulierend wirken der Sigvaris Style Semitransparent, VenoTrain micro (Bauerfeind) und AktiVen Vital von Bort.

4. Das passende Haftband wählen (Silikonband-Irritation vermeiden)

Verursacht das durchgehende Silikonband Rötungen, hilft ein Wechsel der Haftband-Struktur, um die Kontaktfläche zu minimieren und die Belüftung zu verbessern.

  • Gute Lösungen: Das Noppenhaftband (Mikronoppen von Juzo), das Sensitiv Haftband von Bauerfeind oder das hochentwickelte SensiNova-Haftband von Sigvaris.
  • Die Alternative: Lässt sich die Reizung am Oberschenkel gar nicht vermeiden, weichen Sie auf Strumpfhosen (AT) oder Kompressionsstrümpfe mit Hüftbefestigung (Variante AGG) aus.

5. In „Härtefällen“: Spezialfasern nutzen

Bei stark strapazierter Haut (z.B. bei Neurodermitis oder Schuppenflechte) gerät das Hautmilieu schnell aus der Balance. Hier helfen Strümpfe mit bioaktiven Eigenschaften:

  • Unsere Empfehlung: Der Venosan 5002 (mit integrierten Silberfäden gegen Bakterienwachstum) oder der Venosan 7002 (mit Silber und pflegender SeaCell-Algenfaser).

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Studiennachweis

(1)E.M.Valesky et. al. Kontaktallergie auf Kompressionsstrümpfe: Gibt es das?, Phlebologie 2014; 43; 140-143